Harmonie vierhänig. Das Piano-Duo Soungkono
Dezember 2005, Hotel Dharmawangsa, Süd-Jakarta. Ein vom Rotary-Club Menteng, Steinway Indonesia und der deutschen Botschaft organisiertes Benefiz-Konzert zugunsten herzkranker Kinder und renovierungsbedürftiger Schulen in Bogor. Es ist, als wären sie nach dreizehn Jahren zurückgekehrt, um die Heimat musikalisch zu erobern: zwei löwenmähnige Beautys, Anfang dreißig, in Abendkleidern und langen semitransparenten Spitzen-Oberteilen.
Das Konzert beginnt mit dem perkussiven Stück des Esten Raimo Kangro mit passendem Titel »Klimper« und endet mit Milhauds jazziger »Scaramouche-Suite« - dazwischen: Debussys atmosphärisches »Prélude á l'apres-midi d'un Faune«, Mozarts spritzige Sonate KV 448, Scriabins nonchalante A-moll-Fantasie und Rachmaninoffs lyrisch-pittoreske Suite Fantaisie-Tableaux. Der Applaus will nicht enden, als die Töchter der Stadt sich von den ineinander geschobenen Flügeln erheben, um sich vom Publikum zu verabschieden.
Monate später in Berlin. Die Erdgeschoßwohnung Shantis ist putzig verwinkelt gebaut. Eine der Wände sieht ungewöhnlich aus: »Ich mußte eine Schallisolierung durchführen lassen. Mit den Nachbarn haben wir immer Schwierigkeiten gehabt - wegen des Klavierspiels.« Söhnchen Chesta Gordon, ein zierlicher Zweieinhalbjähriger mit Beatle-Frisur, dessen Vater ein britischer Rockmusiker und Musikjournalist ist, wird vom Kindermädchen zum Spielplatz begleitet.
Bei so viel, auch noch doppelter Anmut gerät man notgedrungen in Verwirrung. Auch gleicht das temperamentvolle Gespräch einem rasanten Ping-Pong-Spiel »ä trois«, bei dem die Protagonistinnen die in Konzert und Übungsraum fest eingehaltene Sitzordnung einnehmen: links Sonja, rechts Shanti. Nicht zu übersehen, daß die zweieiigen Zwillinge ihre jeweilige Individualität hervorheben möchten. Sonja in Jeans und Strickjacke, das Haar hochgesteckt, die Sonnebrille sportlich aufs Haupt gehoben, Shanti, mehr »ladylike«, in langem Kleid mit Mango-T-Shirt und goldbesticktem Gürtel. Man vermeint aber auch in der Ausstrahlung zarte Differenzen zu erkennen: ein wenig mehr lebhafte Bestimmtheit, vor allem in der sprachlichen Diktion, hier, etwas mehr verträumte Sanftmut dort. Hinzu kommt, daß Shantis Offenheit für eventuelle künftige Jazzimprovisationen von der zweiten Hälfte wohl weniger geteilt wird. Kam zwar die Anregung, ein Piano-Duo zu werden, von ihrem rumänischen Lehrer, Prof. Sorin Enachescu an der Hochschule der Künste, heute Universität der Künste, Berlin, so waren doch für ein derartiges Ansinnen natürliche Voraussetzungen gegeben. »Von Kindesbeinen an sind wir unentwegt zusammen, bis heute kritisieren wir einander heftig und immerfort. Es gibt Meinungsunterschiede, aber man kennt einander so gut, verfügt über eingespielte Rituale. Besonders beim Spiel kommunizieren wir bloß mit Blicken, wir brauchen nicht zu sprechen«, betont Sonja, die ebenso wie Shanti ein niveauvolles, beinahe akzentfreies Deutsch spricht. Früher, während des Studiums und danach, habe man auch zusammen gewohnt, so daß man im Grunde genommen Tag und Nacht beieinander war. Das wurde dann durch die, allerdings inzwischen für nichtig erklärte Ehe Shantis anders. Vor einer so starken geschwisterlich-beruflichen Symbiose haben es Männer schwer zu bestehen. Ein Mann müsse ja stets mit der »unsichtbaren dritten Person« rechnen. Da taucht auch die Frage auf, ob das Leben oder die Musik Vorrang habe. In diesem Punkt ist sich das eingespielte Team definitiv einig.
Einen derartigüberspannten Ausspruch wie »Musik ist mein Leben« könne man, selbst bei der größten Hingabe an den Beruf, nicht nachvollziehen.
Vielleicht deshalb, weil das Menschliche eine übergeordnete Rolle spielt. Was nicht nur an dem humanitären Engagement für sozial benachteiligte Menschen in der Heimat deutlich wird. »Als unser Vater einen ernsthaften beruflichen Mißerfolg erlitt, dachten wir nur daran, die Familie zu unterstützen. Eigentlich wollte ich in Japan Wirtschaft studieren«, erklärt Sonja. „Dann spielten wir mit den Gedanken, zusammen eine Musikschule zu eröffnen«, wird vom Gegenüber ergänzt. Tatsächlich verdienen die beiden Frauen heute ihren Lebensunterhalt teilweise durch Klavierunterricht. Das Wirtschaftsstudium aber hat glücklicherweise - so darf zumindest der Musikfreund urteilen - eine andere der insgesamt sechs Sungkono-Töchter übernommen.
Die Erziehung der Sungkonos, die zu Dreivierteln chinesischer Abstammung sind, mütterlicherseits buddhistisch, väterlicherseits zunächst protestantisch, dann katholisch geprägt, zielte ursprünglich auf eine umfassende Bildung ab, die es den Mädchen ermöglichen sollte, ihre Zukunft fernab der traditionellen Frauenrolle zu gestalten. Mutter Sungkono, gelernte Buchhalterin, die selbst als Vierzigjährige Klavier spielen lernte, ferner ersten Klavierunterricht gab und die Kinder mit Gamelan-Musik konfrontierte, während der Vater, sehr ungewöhnlich für Nachfahren des Reichs der Mitte: ein Lockenkopf, mit Mozart-Musikkassetten versorgte, holte Privatlehrer nach Hause, die die Mädchen nicht nur musikalisch, sondern auch in Malerei unterwiesen. Papa, einst ein mit Möbeln, Algen und allerhand anderem handelnder Unternehmer, der zunächst skeptisch war über die Berufswahl seiner Lieblinge, kann sich leider über die inzwischen eingeheimsten Lorbeeren nicht mehr freuen. Er ist 1997 verstorben.
Wiederholt fällt im Gespräch das Wort »schlechtes Gewissen«, wenn von gelegentlicher Vernachlässigung des üblichen Übungspensums die Rede ist. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß das Pflichtbewußtsein, das die beiden Musikerinnen an den Tag legen, weniger von einer ihren Vorfahren attestierten strengen Zucht, die im Haus Sungkono nicht existierte, sondern von den Schwestern jener katholischen Schule herrührt, die sie als Kinder besuchten. »Da gab es kein Pardon, wenn man zu spät zum Unterricht kam. Die Türen zum Klassenzimmer wurden verriegelt, man blieb draußen«, kommentiert Shanti. Die Sungkonos haben sich in Europa, Nord- und Südamerika einen Namen gemacht und allerhand Auszeichnungen eingeheimst. Aber derartige Karrieren bekommt man nicht geschenkt. Ist ein Konzerttermin anberaumt, dann wird auch im Krankheitsfall gespielt, »mit zitternden Händen und bei Schweißausbrüchen«, so Sonja, die ohnehin trotz hinreichender Konzertpraxis stark von Lampenfieber heimgesucht wird. Hat man sich aber erst einmal eingespielt, dann ist aller Leistungsdruck wie von Zauberhand weggewischt: »Die Konzertbühne ist unsere größte Lehrmeisterin«. Nach Indonesien zieht es die beiden zauberhaften Pianistinnen aus familiären Gründen, aber Deutschland, das Land, das die maßgebliche musikalische Ausbildung geboten und mit Stipendien gefördert hat, ist zur beruflichen Heimat geworden: der Ort, von dem sie aus gewiß weitere Weltkontinente mit Charme und Virtuosität erobern werden. Gut zu wissen, daß ihre aus dem Chinesischen abgeleiteten Vornamen etwas so Kosmisches wie »Sonne« (son) und »Mond« (shan) bedeuten.
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