Wer den besseren Humor hatte? Der besonnene Hamburger oder der impulsive Oberpfälzer aus Weiden? Schwer zu sagen. Beide Komponisten waren vorzügliche Pianisten und Meister der Variationskunst. Der betagte, rund 40 Jahre ältere Johannes Brahms ästimierte den aufstrebenden Max Reger. Man tauschte signierte Fotos aus. Reger wollte dem großen Kollegen eine geplante Sinfonie widmen (es blieb beim Plan). Vor allem freilich war Brahms für Reger das Vorbild, der künstlerische Vater. Am nächsten kamen sich beide in ihrem Chorschaffen. Dass Reger sich auf Augenhöhe mit dem Wahl-Wiener sah, belegt ein so selbstbewusstes wie selbstkritisches Diktum von 1910: "Brahms und ich, mir habn den gleichen Fehler gmacht" – viel zu schnelle Tempovorgaben. Daher damals die Handlungsanweisung an einen jungen Organisten, "alles recht ruhig" zu spielen.

 



An diese Maxime hielt sich im Wesentlichen auch Markus Uhl, der jetzt beim "Brahms &"-Abend der Albert-Konzerte in der Freiburger Musikhochschule Kostproben der Orgelmusik Regers bot, des wichtigsten deutschen Orgelkomponisten nach Bach. Fordert der Spätromantiker doch von dem an sich eher starren Instrument eine bislang ungeahnte Lebendigkeit und Beweglichkeit. Uhl, in Freiburg (bei Zsigmond Szathmáry) und Weimar (Michael Kapsner) ausgebildet, bewies, dass er das "Prinzip Reger" bis hin zur Wahl der Klangfarben verinnerlicht hat. Eine werkdienliche und ausdrucksvolle Deutung, wenngleich durchs Streben nach Expressivität gerade bei der "Morgenstern"-Fantasie von 1899 die eine oder andere (Schalt-)Zäsur klaffte. Nur tut man Regers Orgelmusik, der ja der Goldschnitt eines nicht zu starken Kirchenhalls gut zu Gesicht steht, keinen Gefallen, wenn man sie in der plüschigen Wohnzimmer-Akustik des üppig besetzten Hochschul-Konzertsaals vorträgt.

Einen direkten Vergleich beider Autoren erlaubten die Ungarischen Tänze von Brahms und Regers Burlesken op. 58, jeweils für Klavier zu vier Händen. Brahms offenbart Feuer, Temperament und ungarische Würze, aber auch Gefühl. Die Reger-Rarität ihrerseits erreicht bis hin zur Parodie von "O du lieber Augustin" mühelos einen Grad an skurrilem Witz, der dem Älteren verschlossen blieb. Die indonesischen Zwillingsschwestern Sonja und Shanti Sungkono, wenn man so will die fernöstlichen Labèques, bewiesen ihre Klasse. Leider waren die Damen offenbar arg erkältet (lag’s an den höchst geschlitzten Kleidchen?). Dann die Schumann-Varationen op. 23 von Brahms: Im feinfühligen Umgang mit dem Thema glaubt man Achtung und Respekt zu spüren – vor Robert Schumann, jenem Kollegen, der eben in Brahms’ Vita eine weit bedeutendere Rolle als Reger spielte.
Dennoch war der Abend nach dem Motto "Wenn der Vater mit dem Sohne" mehr ein Reger-Porträt – eines, das diesen Komponisten, der in der Frühgeschichte der Albert-Konzerte mehrfach persönlich in Freiburg aufgetreten ist, von den verschiedensten Seiten zeigte. Welten liegen zwischen der "Morgenstern"-Fantasie für Orgel und der späten D-Dur-Suite op. 131d für Bratsche solo. Bei der Orgel lustvolle Opulenz, beim Streichinstrument, wie der Komponist sinngemäß meinte, "eine Art musikalischer Keuschheitsgürtel". Die blitzsaubere Darbietung der Suite durch die Japanerin Tomoko Akasada war wunderbar.  


Autor: Johannes Adam
 


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