Wenn Mozart verlangt, sich des Fracks zu entledigen
Von Mario Koch
Die Protagonistinnen betraten die Bühne, verbeugten sich und setzten sich auf ihren Hocker vor zwei einander gegenüberstehenden Steinway-Flügeln und das war wohl das einzige Procedere, das für das nachfolgende Konzert im Großen Ballsaal des Hotels Dharmawangsa in Süd-Jakarta mit Sicherheit hatte vorausgesagt werden können.
Der Erlös der Benefizveranstaltung vom vergangenen Mittwoch, die von Rotary Club Menteng und Steinway Pianos mit Unterstützung der deutschen Botschaft organisiert worden war, dient der Finanzierung von Operationen am offenen Herzen bei Kindern, deren Eltern die Mittel dafür nicht aufbringen können sowie der Renovierung von Schulen in Bogor.
Es vergingen einige Momente, dann beugten sich die beiden schönen jungen Frauen nach vorn und nahmen souverän von der Tastatur ihrer Pianos Besitz. Sonja und Shanti Sungkono begannen ihre eindrucksvolle Darbietung aus stehender Position heraus, der mitreißende Abend indes verdiente wahrhaftig eine standing ovation des Publikums. Eines der Pianos diente den 33jährigen Zwillingsschwestern stets als Perkussionsinstrument bei der Darbietung der außergewöhnlichen Werkes Klimper op. 20 Nr. 4 des estnischen Komponisten Raimo Kangro.
Dem furiosen Auftakt, mit dem die Pianistinnen augenblicklich pure Lebensfreude verströmten, folgte Debussy's Prèlude à l'apres-midi d'un faun. Ihre Interpretation dieses symphonischen Gedichts widerspiegelte perfekte Klangsynchronisation: vier Hände, die einem Giganten, einer musikalischen Seele gehören. Selbst wenn man taub wäre, hätten sich die Melodien, die sie zu Gehör brachten, im Kopf verankert, einfach durch die Wahrnehmung des kraftvollen, eleganten Spiels und der innigen Grazie der Schwestern an den Tasten.
Shanti sagte in einem Gespräch mit der Jakarta Post: „Als wir Mozarts Sonate D-Dur KV 448 spielen wollten, mußten wir uns der Fräcke entledigen. Wir hatten sie vorher nicht probiert, und sie waren einfach zu eng geraten." „Mozart - und noch mehr Rachmaninov - verlangen außergewöhnliche Beweglichkeit, womit nicht nur die der Finger, sondern auch die des ganzen Armes bis hinauf zur Schulter gemeint ist," ergänzte Sonja. Die Schwestern kamen genauso mühelos mit ihrem Bühnenoutfit wie mit dem letzten Stück des eher maskulinen ersten Teils des Konzerts, der Fantasie in A Dur von Alexander Skrjabin, zurecht.
Nach einer kurzen Pause wurde das Konzert mit Rachmaninows Fantasie-Tableux Suite No. 1 op. 5 in vier Sätzen fortgesetzt. Mit kraftvollem Spiel, stets alle Tasten beider Klaviere in orchestraler Weise berührend, boten die Sungkonos eine einprägsame Interpretation des Werkes des großen Russen. Mit eleganten Übergängen in Klang und Stimmung präsentierte sich ihr Wechselspiel in Perfektion. Zunächst wie Adlige, die sich duellieren, dann wie übermütige Kinder, dann wie Liebende, die Hand in Hand einherlaufen - Sonja und Shanti hauchten jedem der Stücke überschäumendes Leben ein.
Der Abend endete mit Milhaud's Scaramouche Suite op 165 b, die mit dem Blues kokettierte, bevor sie im dritten Satz, der Brazileira, in eine ausgelassene Samba mündete. Ein hingerissenes Publikum bedankte sich bei dem Duo mit langanhaltendem Applaus, der in Entzücken versetzte deutsche Botschafter Joachim Broudre-Gröger sagte lächelnd, es sei eine „aufregende, schöne, professionelle und humanitäre Veranstaltung" gewesen.
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